Nennen wir es: Menodivergenz
Neurodivergenz & Hormonchaos: Wenn alles zusammenkommt
Die Wechseljahre sind ohnehin schon eine herausfordernde Lebensphase. Doch für viele neurodivergente Frauen* wird sie zu einem echten Brennpunkt: Wenn ADHS, Autismus oder AuDHS und hormonelle Umstellungen gleichzeitig wirken, entsteht eine Mischung, über die es bisher wenig Wissen, noch weniger Forschung und fast keine passende Versorgung gibt.
Was passiert hormonell?
Schon Jahre vor dem Zeitpunkt der Menopause, in der sogenannten Perimenopause, beginnen Östrogen- und Progesteronspiegel unregelmäßig und schwankend abzusinken. Am Ende stabilisieren sie sich auf sehr niedrigem Niveau. Diese hormonellen Veränderungen greifen tief in verschiedene Neurotransmittersysteme ein – besonders in das dopaminerge System, das v.a. bei ADHS sowieso schon aus dem Takt geraten ist (Osianlis et al., 2025).
Östrogen beeinflusst neben Dopamin aber auch Serotonin (Stimmung) und Acetylcholin (Gedächtnis). Weniger Östrogen bedeutet also nicht nur körperliche Symptome wie Hitzewallungen und Schlafprobleme, sondern auch kognitive und emotionale Turbulenzen: Gehirnnebel, Vergesslichkeit, Reizbarkeit, Angstzustände.
Hormonell bedeutet hier immer auch: Im Gehirn!
ADHS und Menopause: Symptome bis zum Abwinken
Viele Frauen* mit ADHS berichten, dass sich ihre Symptome in der Perimenopause regelrecht potenzieren. Konzentrationsprobleme, Organisation, Zeitmanagement – alles wird schwieriger. In einer ADDitude-Umfrage gaben 94% an, dass diese Zeit die herausforderndste Phase ihres Lebens darstellt (ADDitude Editors, 2025). Für manche tauchen in dieser Lebensphase sogar erstmals Symptome auf, die zu einer späten Diagnose führen.
Die hormonellen Schwankungen verschärfen die schon vorhandene Dysregulation im Dopaminhaushalt und führen zu einem massiven Anstieg von Symptomen wie:
- Brain Fog und Gedächtnisprobleme
- Overwhelm und emotionale Dysregulation
- Prokrastination und Unaufmerksamkeit
- Angst und Depression
Autismus und Menopause: Ultimative Reizempfindlichkeit
Auch bei Autismus zeigt sich: Die hormonellen Umstellungen der Menopause können autistische Merkmale deutlicher hervortreten lassen. Betroffene berichten von:
- Intensivierten sensorischen Empfindlichkeiten
- Stärkerer emotionaler Instabilität
- Schwierigkeiten mit exekutiven Funktionen
- Mehr Problemen bei sozialer Interaktion und Kommunikation
- Erschwerter Wahrnehmung eigener Bedürfnisse und Zustände (Interozeption, Alexithymie)
Für einige autistische Frauen* wird diese Phase sogar zum Katalysator, der endlich zur Diagnose führt (Moseley et al., 2020).
AuDHS: Wenn beides zusammenkommt
Wer sowohl von ADHS als auch Autismus betroffen ist, erlebt häufig eine doppelte Herausforderung. Exekutive Dysfunktionen, emotionale Regulation, sensorische Empfindlichkeiten – all diese Bereiche werden durch hormonelle Schwankungen zusätzlich belastet. Gleichzeitig überlappen sich viele Symptome von ADHS, Autismus und Menopause, was die Diagnostik erschwert und häufig zu jahrelangen Fehldeutungen führt.

Nicht nur cis Frauen*: Wer sonst noch betroffen ist
Wichtig: Menopause betrifft nicht ausschließlich cis Frauen*. Auch Trans* Männer, nicht-binäre und intergeschlechtliche Personen können betroffen sein – entweder durch natürliche hormonelle Prozesse, medizinische Eingriffe oder hormonelle Behandlungen. Hier wird die Forschung nochmals dünner, und viele medizinische Fachpersonen sind auf diese Konstellationen kaum vorbereitet.
Zusätzliche Hürden gibt es auch für mehrfach marginalisierte Gruppen:
- PoC erleben teils andere Durchschnittsalter und Symptomverläufe (Nakanishi et al., 2023).
- Finanzielle, sprachliche oder kulturelle Barrieren verhindern häufig den Zugang zu fundierter Aufklärung, Diagnose und Behandlung.
- Fehlende Awareness und medizinische Bias führen zu Fehldiagnosen oder kompletter Ignoranz der Beschwerden.
- Auch Single – Elternteile und Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen werden nicht mitgedacht, wenn es z.B. um Publikationen und Tipps geht.
Was hilft? – Erste Ansätze
Auch wenn die Forschung oft keine klaren Antworten liefern kann, gibt es erste hilfreiche Ansätze:
Medikamentöse Optionen
- ADHS-Medikamente (Stimulanzien, Atomoxetin, Lisdexamfetamin) können auch menopausale kognitive Probleme verbessern (Brown, 2025).
- Hormonersatztherapie (HET) ist aus verschiedenen Gründen sinnvolle Maßnahme zur Behandlung vieler Wechseljahresbeschwerden und hat auch präventive Wirkung. Bei neurodivergenten Betroffenen kann es zur Verbesserung des Befindens beitragen, braucht aber sorgfältige individuelle Abwägung eventueller Auschlusskriterien und Verträglichkeit (vgl. Wasserstein, 2025).
Nicht-medikamentöse Strategien:
- Regelmäßige Bewegung
- Gesunde, nährstoffreiche Ernährung
- naturheilkundliche/ pflanzliche Methoden bzw. Präparate
- Stressmanagement, Pacing und Schlafhygiene
- Psychotherapie (z.B. Kognitive Verhaltenstherapie), DBT, Achtsamkeit
Entscheidend ist: Es gibt kein Schema F. Die Lösungen müssen so individuell sein wie die Betroffenen selbst.
Die Kombination der Wechseljahressymptome mit AuDHS kann direkt in einen autistischen Burnout (Raymaker et al. 2020) führen, weil durch all die Faktoren, die zusammenkommen, gerade in einer ohnehin anstrengenden Lebensphase die oft mühsam erarbeiteten Kompensationsstrategien einbrechen. Hier sollte schnell gehandelt werden und nicht weiter „durchgehalten“!
Fazit: Da ist noch dringender Forschungsbedarf
Und die Gesellschaft, allen voran die Fachwelt, muss endlich ernst nehmen, was Betroffene erleben und berichten!
Die Menopause bei neurodivergenten Menschen bleibt bisher noch medizinisches Niemandsland. Die bestehenden Forschungslücken sind riesig. Doch was Betroffene schildern, ist real. Ihre Erfahrungen verdienen Aufmerksamkeit, Ernsthaftigkeit und individuelle Unterstützung.
Unterstützung muss selbstverständlich sein.
Aber auch Selbstfürsorge ist hier nicht verhandelbar.
Wenn beides gelingt, lässt sich diese Umbauphase nicht nur besser überstehen, sondern auch als das anerkennen, was es ist: Ein Neuanfang. 💟

Quellen (Auswahl):
Moseley, R. L., Druce, T., & Turner-Cobb, J. M. (2020). ‘When my autism broke’: A qualitative study spotlighting autistic voices on menopause. Autism, 24(6), 1422–1433.
Nakanishi, M., et al. (2023). Association between menopause and suicidal ideation in mothers of adolescents. Journal of Affective Disorders, 340, 529–534.
Osianlis, E., et al. (2025). ADHD and Sex Hormones in Females: A Systematic Review. Journal of Attention Disorders, 1–18.
ADDitude Editors. (2025). ADHD Impairment Peaks in Menopause. ADDitude Magazine.
Brown, T. E. (2025). Could ADHD Medications Improve Memory, Focus & Organization in Menopausal Women? ADDitude Magazine.
Wasserstein, J. (2025). Menopause, Hormones & ADHD: What We Know, What Research is Needed. ADDitude Magazine.


