„Anders, nicht falsch“ – Das reicht nicht mehr!

Es ist höchste Zeit, das zu ändern.

Bereits vor rund 30 Jahren, als das Internet für viele noch eine Art futuristische Spielerei war, die man entweder ignorierte oder bestenfalls als eine Art modernes Telefonbuch nutzte, begannen Autist*innen, sich zu vernetzen. Sie ergriffen die Chance, über geografische Grenzen hinaus Kontakt aufzunehmen, Wissen zu teilen und sich gegenseitig zu unterstützen. Im Jahr 1996 gründete Martijn Dekker die Website “Independent Living on the Autistic Spectrum”, kurz InLv (Quelle). Diese Plattform war nicht weniger als der Ursprungsort der Neurodiversitätsbewegung, und ihr Einfluss ist bis heute spürbar. Nachdem Eltern autistischer Kinder schon seit den 60er Jahren in den USA und Großbritannien Organisationen gegründet hatten, entstand auch in Deutschland in den 70ern der Bundesverband Autismus durch engagierte Selbsthilfegruppen betroffener Eltern. 2004 wurde der nächste Meilenstein gesetzt:

Die Macht des Internets hat diesen Wandel beschleunigt.

Wissen ist heute viel leichter zugänglich als noch vor 20 oder 30 Jahren. Betroffene vernetzen sich weltweit durch soziale Medien, die aus dem modernen Leben nicht mehr
wegzudenken sind. Für viele Erwachsene mit einer späten Diagnose war und ist dies der Schlüssel, um aus einem belastenden Zustand auszubrechen einer Hilflosigkeit, für die professionelle Helfende oft keine Abhilfe schaffen konnten oder es vielleicht auch nicht immer wollten. Weil wir eben doch „anders“ sind. Doch was das Internet ermöglicht hat, ist noch viel mehr: Es hat Räume geschaffen, in denen man sich austauschen, unterstützen und auf Augenhöhe begegnen kann. Menschen finden Antworten, Psychoedukation und praktische Tipps, die das Gesundheitssystem oft nicht zu bieten hat.

Dies geht weit über reine Information hinaus – es rettet Leben.

So ist in den letzten Jahren eine Gruppe herangewachsen und stärker geworden: Die Spätdiagnostizierten und selbst identifizierten Erwachsenen. Ihre Zahl ist so groß, dass sie nicht länger ignoriert oder als „Einzelfälle“ abgetan werden können. Ihre Forderungen nach Inklusion und Teilhabe sind laut und eindringlich und machen auf die Schwachstellen in der Gesellschaft und im Gesundheitssystem aufmerksam. Es geht nicht nur um die Akzeptanz einer Diagnose– es geht darum, dass neurodivergente Menschen als selbstverständlicher, vollwertiger Teil der Gesellschaft anerkannt werden.

Genau aus diesem Wunsch heraus entstand spektrum.support.

Ich bin selbst spätdiagnostiziert und habe die Barrieren und Vorurteile am eigenen Leib erfahren. Deshalb habe ich mich entschieden, mein berufliches Fachwissen mit meinen persönlichen Erfahrungen zu kombinieren. Ich möchte, dass so viele wie möglich laut sein können, selbstwirksam und stolz – und sich dafür einsetzen, dass Neurodiversität das neue Normal wird und Autismus, ADHS und alle weiteren Diagnosen nicht länger als „Störung“ betrachtet werden. Denn: Echte Inklusion und Teilhabe sind erst dann erreicht, wenn diese Begriffe überflüssig geworden sind. Solange wir noch darüber reden müssen, dass jemand „anders“ oder sogar “falsch” ist, sind wir noch lange nicht am Ziel.

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